WELTERBE IN GEFAHR:
Warum die Baumassnahmen an der Elbe auszusetzen und zu prüfen sind
Fakten und Argumente
Anlass: Schreiben des Akener Bürgermeisters an den Stadtrat der Stadt Dessau
Auf Grund der Intervention der Bürgermeister der Städte Aken und Rosslau kam die Erklärung zum Elbeausbau
der Stadt Dessau bislang nicht zustande.
Das jetzt vorgelegte Schreiben des Akener Bürgermeisters strotzt vor Fehlern und unbewiesenen Behauptungen.
Dessau ist als Stadt an zwei Flüssen, mit dem Welterbe Dessau-Wörlitzer Gartenreich sowie dem
Biosphärenreservat Mittlere Elbe naturräumlich einmalig ausgestattet.
Dieses Kapital der Zukunft durch wirtschaftlich und ökologisch ungeprüften Baumaßnahmen aufs Spiel zu setzen,
wäre töricht.
Das Kardinalproblem der schleichenden, über das natürliche Maß um Größenordnungen hinausgehenden
Eintiefung des Flussbettes ist noch nicht gelöst.
Die in den 30erJahren und früher errichteten Flussbauwerke (Buhnen, Deckwerke, Staustufen im Oberlauf)
haben nachweislich zu einer Flussbetteintiefung um 1-2 m und damit zu einer Wasserstandsabsenkung
in den Auen geführt.
(Grafik dazu auch in Tagungsunterlagen des Elbe-Status-Seminars, von Herrn BM Müller nicht erwähnt)
Die Wiederherstellung dieser Bauwerke ohne Prüfung der Folgen in den nächsten 100 Jahren -
dies ist die Standzeit und der Wirkungszeitraum der erneuerten Strombauwerke -
ist unverantwortlich, weil schon jetzt die Austrocknungstendenzen vorhanden sind und dadurch verstärkt werden.
Die Elbfischer können bestätigen, dass im Sommer das Wasser aus den Auen und den Auengewässern in
den vertieften Fluss abläuft, so dass die Bedingungen für die Fischerei sich sehr verschlechtert haben.
Die Wasserburg Roßlau hat ihr Wasser verloren - auch, weil die Elbe eingeengt und dadurch eingetieft wurde.
Wollen wir wirklich das Risiko eingehen, dass das Dessau-Wörlitzer Gartenreich in der Touristen-Saison auch
eines Tages ohne Wasser dasteht?
Alte Eichen können nicht mehr auf permanent fallende Wasserstände reagieren, ihr Wurzelwachstum ist
abgeschlossen. Schon eine Wasserstandsabsenkung von 20 cm kann zu Überlebensproblemen führen
(Prof. Hentschel) Sollen die Eichenwiesen und der wertvolle Baumbestand um Dessau leichtfertig geopfert werden?
An verschiedenen Abschnitten der Elbe ist bereits eine abnehmende Vitalität und ein Absterben der
Eichen zu verzeichnen (Bundesamt für Naturschutz Bonn). Dieser Entwicklung muss begegnet werden.
"Augen zu und durch" wäre unverantwortlich.
Allein der bevorstehende Klimawandel wird schon zu einem chronischen Wasserdefizit in den Sommermonaten
führen.
Die Buhnen wurden einst auf Mittelwasserhöhe gebaut. Wenn wir heute Mittelwasser haben, ragen sie schon
um einen Meter heraus. Dadurch wird der Eintiefungsdruck weiter verschärft.
Eine ungeprüfte Wiederherstellung dieser Bauwerke ist nachvorliegenden Erkenntnissen unverantwortlich.
Deshalb haben 24 Organisationen Sachsen-Anhalts eine Beschwerde an die EU gesandt, die derzeit bearbeitet wird.
Nach EU-Recht (FFH-Richtline) darf es zu keinen Verschlechterungen in den EU-Schutzgebieten kommen
(und dies ist vorher nachzuweisen!). Die Wasserstraßenverwaltung hat sich bisher darüber hinweggesetzt.
Bei eintretenden Verschlechterungen kann es zu EU-Sanktionen (Kürzung oder Streichung von EU-Fördergeldern)
kommen.
Wollen wir dieses Risiko eingehen?
"Die Verwendung der öffentlichen Mittel basiert auf dem BVWP 1992", schreibt Herr Müller.
Der BVWP ist allerdings von seinen Daten her überholt.
Die Prognosen zum Güterverkehr auf der Elbe insgesamt wurden im vergangenen Jahr um 70% reduziert.
2015 soll nun genauso viel auf der Elbe transportiert werden, wie schon 1998 transportiert wurde (4,6 Mio. t).
Wieso dann diese Strombaumaßnahmen, wenn es auf der Elbe überhaupt kein Verkehrswachstum und
keine Verkehrsverlagerung geben wird ???
Die Wirtschaftlichkeit der Strombaumassnahmen mit einem Nutzen-Nosten-Faktor von 5 anzugeben,
ist absolut unseriös, wenn die Kosten der sogenannten Unterhaltungsmaßnahmen -
mit über zwei Drittel das Gros aller Strombaumassnahmen - mit Null Kosten angesetzt werden!
Diese neue Nutzen-Kosten-Analyse wurde den Bürgerinitiativen Pro Elbe immer noch nicht -
trotz öffentlichen Versprechens Ende November durch Staatssekretär Nagel - herausgegeben.
"Die Naturschutzbehörden und die Biosphärenreservatsverwaltung werden unterrichtet und beteilig"
schreibt Herr Müller.
Dies ist eine Farce. Diese Behörden werden lediglich höchst oberflächlich in Kenntnis gesetzt.
Es handelt sich um eine Benehmensherstellung, mehr nicht.
Selbst die Forderung der Umweltministers Keller nach einen Stop der Bauarbeiten in Gallin
(16.10. 2000 im mdr-Fernsehen) wurde ignoriert, ebenso seine Forderung nach Umweltverträglichkeitsprüfungen
der Strombaumaßnahmen (5.9.2001 in Wittenberg).
Durch eine sorgfältige Prüfung und Folgenabschätzung wird die Elbe keineswegs, wie Herr Müller behauptet,
als Wasserstraße in Frage gestellt.
Im Gegenteil: Wir verhindern möglicher Folgeschäden, die die Allgemeinheit zu tragen hat.
Mit der irreversiblen Absenkung des Grundwasserstandes verändert sich auch der Baugrund.
Risse und andere Schäden in alten Bauwerken können durch Setzungen ausgelöst werden.
Dieser Aspekt wurde bislang überhaupt noch nicht geprüft.
Herr Müller behauptet: "Die Elbe wird als naturnaher Fluss erhalten".
Fakt ist, dass die Elbe, ihre Auen und Parklandschaften schon jetzt in Gefahr sind.
Nach 70 Jahre alten Bauplänen heute weiterzubauen, als hätten wir nichts dazugelernt,
ist einfach unverantwortlich und ignorant.
Wer die Schifffahrt fördern will, sollte auf flussangepasste Schiffe setzten.
Das neue sächsische Patent - Schaufelradantrieb mit 700 Tonnen Ladung bei nur 90 cm Tiefgang
wäre eine optimale Lösung, Schifffahrt und Erhalt der Flusslandschaft zu vereinen.
Rückfragen:
Dr. Ernst Paul Dörfler, BUND-Elbeprojekt
Fon/Fax: 039244-290Funk: 0171-1832194
E-Mail: epd@gmx.de
Homepage: http://www.elbe-insel.de
epd
18.3.2002